Ein Jahr der Geduld
2010 verlangte den Winzern der Champagne alles ab. Kein einfaches Jahr — weder das Wetter noch die Ernte noch die Qualität machten es leicht. Ein Jahrgang, der strenge Selektion erforderte und am Ende nur in den Händen der besten Winzer wirklich überzeugendes Material hervorbrachte.
Das Wetter 2010
Das Wetterjahr 2010 war ein Geduldsspiel. Der Winter war ungewöhnlich kalt und lang, mit Frostperioden bis in den März. Der Frühling kam zögerlich — die Temperaturen blieben kühl, der Austrieb verzögerte sich.
Die Blüte fand spät statt, Mitte bis Ende Juni, und verlief ungleichmäßig. Verrieselung und Millerandage traten in vielen Parzellen auf, was die potenziellen Erträge reduzierte.
Der Sommer war wechselhaft. Der Juli brachte eine kurze warme Phase, gefolgt von einem kühlen, feuchten August. Die Reben kämpften mit mangelnder Sonneneinstrahlung und ständigem Feuchtigkeitsdruck. Mehltau war ein permanentes Risiko.
Der September rettete einiges: Eine warme, trockene Phase in der zweiten Monatshälfte ermöglichte eine passable Endreife. Die Ernte begann erst Ende September bis Anfang Oktober — ungewöhnlich spät.
Das Lesegut war heterogen: In den besten Lagen und bei den erfahrensten Winzern konnte gutes Material geerntet werden. In weniger privilegierten Positionen blieben die Trauben unreif und problematisch.
Stil des Jahrgangs
2010er Champagner zeigen ein gespaltenes Bild:
Die besseren Exemplare:
- Hohe Säure — nervös, lebendig
- Schlanke Frucht — Zitrus, grüner Apfel, Stachelbeere
- Mineralische Tiefe — kreidig, feuersteinig
- Gute Spannung — die kühlen Bedingungen brachten Weine mit Rückgrat
Die schwächeren Exemplare:
- Unreife, grüne Säure — bitter und aggressiv
- Dünne Frucht — verwässert wirkend
- Vegetabile Noten — Gras, Kräuter, grüne Paprika
- Kurzer Abgang — schnell verblassend
Die Bandbreite war enorm. Wer die richtige Flasche erwischt, findet einen Champagner mit nervöser Eleganz. Wer Pech hat, bekommt einen mageren, unreifen Wein.
Rebsorten-Performance
Chardonnay war die Rebsorte, die am meisten vom späten September profitierte. In den Grands Crus der Côte des Blancs — wo die Exposition und die Bodenbeschaffenheit optimal sind — konnte trotz des schwierigen Jahres guter Chardonnay geerntet werden. Die Säure war hoch, die Frucht fein, die Mineralität präsent.
Pinot Noir hatte größere Probleme. Die spätere Reife der Rebsorte bedeutete, dass viele Parzellen die Trauben nicht rechtzeitig zur vollen Reife brachten. Farbschwache, leichte Pinots waren die Folge.
Pinot Meunier kam mit seiner Anpassungsfähigkeit etwas besser zurecht, konnte aber auch keine Spitzenqualität liefern.
Einordnung
🍾 Heute im Glas: J.B Héry - Millésime 2002 - Brut Nature – ein spannender Fund aus meinem letzten Einkauf. Gerade erst frisch in den Keller…
Manchmal sagt ein minimalistisches Etikett schon alles: Beim „Équilibre“ von @champagne_mathelin ist der Name absolutes Programm! Auf der Flasche…
Der Saint-Nicaise 2015 von @domainebauchet hat gestern genau diese ruhige, warme Stimmung getroffen, die man sich für einen entspannten Abend…
In der Abfolge 2008-2009-2010-2011-2012 ist 2010 der schwächste Jahrgang:
| Jahr | Qualität | Charakter |
|---|---|---|
| 2008 | Hervorragend | Straff, langlebig |
| 2009 | Gut | Reif, zugänglich |
| 2010 | Schwach bis mittel | Heterogen, kühl |
| 2011 | Schwach | Frühreif, leicht |
| 2012 | Gut bis sehr gut | Konzentriert, strukturiert |
Nach zwei guten bis großartigen Jahren war 2010 eine Ernüchterung. Der Trost: 2012 und 2013 würden die Rückkehr der Qualität bringen.
Wenige Millésimes
Erwartungsgemäß deklarierten nur wenige Häuser einen Jahrgangs-Champagner 2010. Das Material war überwiegend für die Non-Vintage-Blends bestimmt. Dort erfüllte es seinen Zweck: Die hohe Säure brachte Frische und Nervosität in die Assemblage.
Einzelne Grower-Champagner mit spezifischen Parzellen-Abfüllungen aus privilegierten Lagen können interessant sein, aber sie bleiben Nischenprodukte für Kenner.
Trinkreife heute
Die wenigen 2010er Millésimes, die es gibt, befinden sich in einem merkwürdigen Stadium: Die Säure hält sie frisch, aber die fehlende Fruchtkonzentration lässt sie etwas hohl wirken. In den besten Fällen hat die Reife eine gewisse mineralische Komplexität gebracht. In den schlechteren Fällen sind die Weine dünn und müde.
Wenn man einen 2010er findet, lohnt sich die Neugierde — aber mit der Bereitschaft, auch eine Enttäuschung zu akzeptieren.
Posts
Ein Montagabend wie aus dem Lehrbuch. Lauwarmer Brokkoli-Salat mit Honig-Senf-Dressing. Dazu frischer Lachs – gegrillt, mit etwas Zitrone. Und im…
Fazit
2010 ist kein Jahrgang, der Champagner-Geschichte schreibt. Es ist ein Jahr, das zeigt, wie sehr die Champagne vom Wetter abhängt — und wie wichtig die Fähigkeiten des Winzers sind, wenn die Natur nicht mitspielt. Ein stiller Arbeiter im Hintergrund, kein Star auf der Bühne.