Jahrgang 1998 — Kraft mit Kanten

Der unterschätzte Jahrgang

1998 gehört zu den Jahrgängen, die bei der Veröffentlichung kaum Begeisterung auslösten — und heute, fast drei Jahrzehnte später, plötzlich ernst genommen werden. Ein Jahrgang, der Geduld belohnt hat. Nicht spektakulär, nicht fehlerlos, aber mit einer Ernsthaftigkeit, die viele nicht erwartet hatten.

Das Wetter 1998

Das Jahr 1998 begann unruhig. Der Winter war mild, gefolgt von einem Frühling mit deutlichen Temperaturschwankungen. Die Blüte verlief Mitte Juni unter akzeptablen Bedingungen, wenn auch nicht völlig gleichmäßig.

Der Sommer zeigte sich launisch: Der Juli war warm und sonnig, der August dagegen wechselhaft mit Regenphasen. Diese Unbeständigkeit setzte sich im September fort. Allerdings — und das war entscheidend — brachte die zweite Septemberhälfte eine markante Schönwetterphase: Trockene Tage, kühle Nächte, sonnige Nachmittage.

Diese späte Wetterwende rettete den Jahrgang. Die Trauben konnten in den letzten Wochen vor der Ernte austrocknen und konzentrieren. Die Ernte begann Ende September bis Anfang Oktober. Das Lesegut war heterogen — wer die besten Lagen und den richtigen Erntezeitpunkt wählte, konnte hervorragendes Material einfahren.

Stil des Jahrgangs

1998 ist ein Jahrgang mit Charakter — manchmal etwas rau, aber mit Substanz:

  • Kräftige Struktur — mehr Tannin und Extrakt als in weichen Jahren wie 1997
  • Dunkle Frucht — reife Pflaume, Brombeere, dunkle Kirsche
  • Würze — Pfeffer, Ingwer, getrocknete Kräuter
  • Gute Säure — nicht extrem, aber ausreichend für Langlebigkeit
  • Tanninbetonte Textur — anfangs etwas herb, hat sich mit der Zeit geglättet

Die 98er brauchten Zeit. In ihrer Jugend wirkten sie oft verschlossen und kantig. Wer Geduld hatte, wurde mit Champagnern belohnt, die überraschende Tiefe und Komplexität entwickelt haben.

Rebsorten-Performance

Der Jahrgang gehörte dem Pinot Noir. Die späte Konzentration durch die Schönwetterphase im September kam den dickschaligeren roten Trauben besonders zugute. Die Montagne de Reims lieferte kraftvolles, farbintensives Material mit guter Struktur.

Das Vallée de la Marne profitierte ebenfalls — hier zeigten sich besonders die Lagen um Aÿ von ihrer besten Seite.

Chardonnay war durchwachsen. Die Côte des Blancs hatte stärker unter dem wechselhaften August gelitten, und die Trauben erreichten nicht überall die gewünschte Reife. Blanc de Blancs aus 1998 sind selten aufregend, obwohl einzelne Exemplare durchaus überzeugen können.

Pinot Meunier lieferte solides, fruchtiges Material — ein verlässlicher Baustein für die Assemblage.

Vergleich mit den Nachbarn

Jahr Charakter Stärke
1996 Präzision, Säure Chardonnay
1997 Weich, reif Zugänglichkeit
1998 Kraft, Struktur Pinot Noir
1999 Üppig, großzügig Balance
2000 Leicht, fruchtbetont Charme

1998 bildet das strukturierte Gegenstück zum weichen 1997 und zum üppigen 1999. In der Trilogie 1997-1998-1999 ist 1998 der ernsteste, langlebigste Jahrgang.

Prestige-Cuvées

Einige bedeutende Häuser deklarierten 1998, andere warteten auf 1999 oder 2002. Die deklarierten Cuvées zeigten oft den typischen 98er-Charakter: kraftvoll, manchmal etwas rustikal in der Jugend, aber mit echtem Lagerpotenzial.

Bollinger Grande Année 1998 ist ein gutes Beispiel für den Jahrgang — ein Champagner, der seine Pinot-Noir-DNA nicht versteckt und mit den Jahren an Komplexität gewonnen hat.

Trinkreife heute

Hier überrascht 1998 positiv. Während die weichen 97er oft bereits müde sind, zeigen die besten 98er heute eine schöne Reife bei erhaltener Struktur. Die Säure und die Tanninstruktur haben als konservierendes Element gewirkt.

Wer einen gut gelagerten 98er Prestige-Champagner im Keller hat, kann durchaus noch zugreifen. Die Weine zeigen sich heute von ihrer besten Seite: Die jugendliche Härte ist verschwunden, stattdessen finden sich reife Aromen von Nüssen, Honig, getrockneten Blumen und Gewürzen bei erhaltener Frische.

Einfachere Cuvées werden allerdings auch hier an ihre Grenzen stoßen.

Fazit

1998 ist die Sorte Jahrgang, die ich besonders schätze: einer, der anfangs polarisiert, dann in Vergessenheit gerät und schließlich als Spätzünder überrascht. In einer Welt, die Champagner oft nach sofortiger Zugänglichkeit bewertet, ist 1998 ein stilles Argument für Geduld.

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