Endlich auch die Champagne: Der Guide MICHELIN kommt
Als ich die Pressemitteilung zum ersten Mal gelesen habe, musste ich kurz innehalten. Der Guide MICHELIN, den die meisten von uns nur von Restaurant-Sternen kennen, vergibt jetzt also auch Auszeichnungen für Wein. Erst Burgund, dann Bordeaux, und am 4. Februar 2027 ist die Champagne an der Reihe. Für mich als jemand, der sich privat seit Jahren durch Flaschen aus Reims, Épernay und der Côte des Bar probiert, ist das eine spannende Nachricht, auch wenn ich noch nicht genau weiß, was ich davon halten soll.
Was sind MICHELIN-Trauben eigentlich?
Statt Sternen gibt es bei Wein offenbar Trauben. Das System ist überschaubar: eine, zwei oder drei Trauben, dazu die Kategorie „Empfohlen“ für solide, sauber gemachte Weine ohne die ganz große Auszeichnung. Drei Trauben sollen laut Guide MICHELIN für außergewöhnliche Erzeuger stehen, die in praktisch jedem Jahrgang verlässlich liefern. Zwei Trauben für exzellente Betriebe mit bemerkenswerter Konstanz innerhalb ihres Terroirs. Eine Traube für Erzeuger mit Charakter und Stil, die vor allem in starken Jahrgängen glänzen.
Bewertet wird das Ganze von spezialisierten Inspektoren, unabhängig und nach fünf Kriterien: Qualität der Arbeit im Weinberg, technisches Können im Keller, Identität des Weins, Balance und Beständigkeit über die Jahre. Das klingt für mich erstmal nach einem durchdachten System, auch wenn ich mich frage, wie man „Identität“ eines Champagners objektiv messen will. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Es braucht Menschen mit viel Verkostungserfahrung, die das einschätzen können, und genau solche Leute sitzen offenbar hinter dieser Bewertung.
Burgund und Bordeaux als Blaupause
Die Champagne ist nicht die erste Region, die drankommt. Burgund hat 2026 den Anfang gemacht mit 94 ausgezeichneten Erzeugern, Bordeaux folgte im September mit 83 Weingütern. Dort gab es neun Betriebe mit der Höchstwertung von drei Trauben, darunter Namen wie Cheval Blanc, Yquem, Lafite Rothschild oder Pétrus. Also durchaus die Kaliber, die man erwarten würde, wenn man an Bordeaux denkt.
Für die Champagne wird es spannend, weil die Region anders tickt als Bordeaux oder Burgund. Hier dominieren seit Jahrzehnten die großen Häuser mit ihren Marken und ihrer Marktmacht, aber gleichzeitig gibt es diese unglaublich lebendige Szene kleiner Winzer, die ihre eigenen Parzellen bewirtschaften und ganz eigene Stile entwickeln. Genau diese Vielfalt, das habe ich aus der Pressemitteilung herausgelesen, will der internationale Direktor des Guide MICHELIN, Gwendal Poullennec, offenbar sichtbar machen. Er spricht davon, dass die Winzer neben den historischen Häusern das Verständnis für die Vielfalt der Champagne erweitert haben. Das finde ich einen bemerkenswerten Satz, weil er zeigt, dass es hier nicht nur um die üblichen großen Namen gehen soll.
Werden Häuser und Winzer gleich bewertet?
Genau das ist für mich die spannendste offene Frage. Noch ist nicht bekannt, ob Champagnerhäuser, unabhängige Winzer und Genossenschaften nach den gleichen Maßstäben beurteilt werden. Dabei sind das völlig unterschiedliche Produktionsweisen. Ein großes Haus kauft oft Trauben von hunderten Lieferanten und verschneidet Jahrgänge zu einem konstanten Hausstil. Ein Winzer-Champagner dagegen stammt meist von eigenen Parzellen und schwankt naturgemäß stärker von Jahr zu Jahr, dafür hat er oft mehr Charakter und Ortsbezug. Wenn beide Welten nach denselben fünf Kriterien bewertet werden, könnte das spannende Ergebnisse bringen, aber auch für Diskussionsstoff sorgen.
Meine persönliche Einschätzung
Ich bin kein Sommelier und erst recht kein Insider der Branche, aber als jemand, der aus Leidenschaft viele Champagner zuhause probiert, freue ich mich grundsätzlich über mehr Aufmerksamkeit für die kleineren Erzeuger. Die Champagne hat so viele großartige Winzer, die außerhalb von Fachkreisen kaum jemand kennt. Wenn die MICHELIN-Trauben dazu beitragen, dass mehr Menschen über den Tellerrand der bekannten gelben Etiketten hinausschauen, wäre das aus meiner Sicht ein Gewinn.
Gleichzeitig bleibe ich vorsichtig. Wie viele Betriebe am Ende ausgezeichnet werden und wo die Präsentation stattfindet, ist noch völlig offen. Ich will hier auch keine Namen raten, denn das wäre unseriös, solange nichts bestätigt ist. Was ich aber mit Spannung erwarte: ob sich in der Auswahl die Breite der Champagne widerspiegelt, von der Côte des Blancs bis zur Montagne de Reims, von riesigen Häusern bis zu Ein-Hektar-Winzern.
Fazit
Der 4. Februar 2027 wird für mich ein Termin zum Vormerken. Nicht weil ich glaube, dass eine Traube mehr oder weniger meinen Geschmack verändert, sondern weil ich neugierig bin, wie eine so renommierte Institution wie der Guide MICHELIN diese komplexe, vielschichtige Region liest. Bis dahin werde ich weiter das tun, was ich am liebsten mache: Flaschen öffnen, probieren und mir meine eigene Meinung bilden, ganz unabhängig von Trauben, Sternen oder Punkten.