Der Moment der Wahrheit
Nach Monaten oder Jahren auf der Hefe muss der Hefesatz aus der Flasche entfernt werden. Dieser Prozess heißt Dégorgement — und er markiert einen Wendepunkt im Leben eines Champagners.
Man kann es sich so vorstellen: Die gesamte Zeit auf der Hefe war eine geschützte Phase. Der Champagner hat sich unter dem Einfluss der Autolyse entwickelt, war eingeschlossen in seiner Flasche mit dem Kronkorken, geschützt vor Sauerstoff. Mit dem Dégorgement endet diese Phase. Der Hefesatz wird entfernt, die Dosage zugesetzt, der Korken gesetzt — und ab diesem Moment beginnt ein neues Kapitel.
Wie es funktioniert
- Remuage — Die Flasche wird über Wochen langsam gedreht und gekippt, bis die Hefe sich im Flaschenhals sammelt
- Gefrierbad — Der Flaschenhals wird in eine Kältelösung getaucht (-25 Grad Celsius). Der Hefepfropf gefriert
- Öffnen — Der Kronkorken wird entfernt, der CO2-Druck schießt den gefrorenen Hefepfropf aus der Flasche
- Dosage — Der Liqueur d'Expédition wird zugesetzt
- Verkorken — Der endgültige Naturkorken wird eingesetzt
Remuage im Detail
Die Remuage (Rütteln) ist eine Kunst für sich. Traditionell stehen die Flaschen in sogenannten Pupitres — hölzernen Rüttelpulten mit Löchern, in die die Flaschen kopfüber gesteckt werden. Ein Rüttler (Remueur) dreht jede Flasche täglich um eine Achteldrehung und kippt sie dabei schrittweise steiler. Nach sechs bis acht Wochen steht die Flasche senkrecht auf dem Kopf, und die gesamte Hefe hat sich im Hals gesammelt.
Heute übernehmen Gyropaletten diese Arbeit bei den meisten Produzenten — computergesteuerte Käfige, die 500 Flaschen gleichzeitig rütteln und den Prozess auf eine Woche verkürzen. Einige traditionalistische Häuser wie Bollinger führen die Remuage aber immer noch von Hand durch.
Dégorgement à la Glace vs. à la Volée
Die heute übliche Methode ist das Dégorgement à la Glace — mit Eisbad. Der Flaschenhals wird eingefroren, der Eispfropf fliegt raus, fertig. Sauber, kontrolliert, reproduzierbar.
Die alte Methode — Dégorgement à la Volée — ist spektakulärer: Die Flasche wird ohne Einfrieren geöffnet, kopfüber gehalten und blitzschnell umgedreht. Der CO2-Druck treibt den Hefesatz heraus, und der Dégorgierer muss in Sekundenbruchteilen die Flasche wieder aufrichten, um möglichst wenig Wein zu verlieren. Das erfordert Jahre an Übung und wird heute nur noch von wenigen Winzern praktiziert.
Warum das Degorgierdatum wichtig ist
Manchmal sagt ein minimalistisches Etikett schon alles: Beim „Équilibre“ von @champagne_mathelin ist der Name absolutes Programm! Auf der Flasche…
Gestern hatte ich mal wieder einen echten Geheimtipp: Den „Assemblage 3 Cépages“ Millésime 2020 von @champagnecolettebonnet . Colette Bonnet…
Hier am Tisch herrscht gerade kreatives Chaos der schönsten Sorte: @autorin.olive.wilson bereitet akribisch und mit wahnsinnig viel Liebe ihre…
Nach dem Dégorgement beginnt eine neue Phase: Der Champagner ist nicht mehr auf der Hefe geschützt und beginnt sich anders zu entwickeln. Manche Champagner gewinnen nach dem Degorgieren an Komplexität (post-disgorgement aging), andere verlieren an Frische.
Ein frisch degorgierter Champagner schmeckt anders als einer, der 2 Jahre nach dem Degorgieren getrunken wird — selbst wenn es dieselbe Flasche ist. Frisch degorgiert ist der Champagner oft straffer, nervöser, mit präziserer Frucht. Mit zunehmendem Alter nach dem Dégorgement wird er runder, weicher, entwickelt honigige Noten und verliert etwas von seiner Spannung.
Spätdegorgierte Champagner
Manche Häuser bieten sogenannte "Late Disgorged" oder "Recently Disgorged" Champagner an — Jahrgangschampagner, die extrem lange auf der Hefe lagen und erst kurz vor dem Verkauf degorgiert wurden. Bollinger R.D. (Récemment Dégorgé) ist das bekannteste Beispiel: Der gleiche Wein wie der Grande Année, aber mit deutlich längerem Hefelager und späterem Dégorgement.
Das Ergebnis ist faszinierend: Man bekommt einen alten Champagner, der aber noch die Frische und Spannung eines jüngeren hat, weil die Autolyse ihn geschützt hat. Es ist wie eine Zeitkapsel — der Wein hat Jahrzehnte in der Flasche verbracht, aber er wirkt jünger, als er ist.
Was das Degorgierdatum verrät
Wenn ein Degorgierdatum auf dem Etikett steht, kann ich daraus ableiten:
- Wie lange der Champagner auf der Hefe lag — In Kombination mit dem Jahrgang oder der geschätzten Assemblage
- Wie lange er nach dem Degorgieren gereift ist — Ein Champagner, der vor drei Jahren degorgiert wurde, ist in einer anderen Phase als einer von vor drei Monaten
- Wann der ideale Trinkzeitpunkt ist — Manche Champagner brauchen nach dem Degorgieren Ruhe, andere sind sofort trinkbar
Das Degorgierdatum auf dem Etikett ist Gold wert. Es sagt dir, wie lang der Champagner nach seiner "Geburt" bereits gereift ist — und hilft einzuschätzen, in welcher Phase er sich befindet.
Posts
Heute der Grande Réserve von @champagnebruyen – ein 50/50-Blend aus Chardonnay und Pinot Noir, Jahrgang 2019, extra brut mit 4 g/l. Schon im Glas…
Nachdem ich neulich bei @neni.prater ein traumhaftes Hamshuka gegessen habe – es dort aber leider keinen Champagner gab – hieß es heute zuhause:…
Es war mal wieder Zeit für etwas Geradliniges, Helles, Zitrisches — also habe ich den @champagnedumangin – Blanc de Blancs 2019 geöffnet. Ein Premier…
Meine Posts dazu
Mit dem Blanc de Blancs Brut von @champagneaspasie habe ich hier einen wirklich spannenden Exoten. Dieser Blanc de Blancs besteht zu 100 % aus…
Gestern habe ich auf Instagram was gelernt: In Frankreich war „La Chandeleur“ – der offizielle Tag der Crêpe. Und weil man Traditionen feiern muss,…
Schnee ist doch eine tolle Sache. Und wenn es bei uns endlich mal welchen gibt, der nicht nach wenigen Stunden wieder wegschmilzt, dann nutzen wir…