Ein Rosé-Haus, das eigentlich ein Chardonnay-Haus ist
Als ich zum ersten Mal von Fleur de Miraval gehört habe, dachte ich kurz, das sei nur eine weitere Promi-Champagnermarke. Brad Pitt, die Familie Perrin, ein bisschen Hollywood-Glamour obendrauf. Aber je mehr ich mich mit dem Projekt beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, dass hinter der glänzenden Fassade tatsächlich etwas önologisch Spannendes passiert. Jetzt ist ER5 da, die fünfte Edition, und sie kommt rund zehn Jahre nach dem Start des Projekts auf den Markt. Für mich ein guter Anlass, mir die Sache mal genauer anzuschauen.
Was ER5 eigentlich ist
ER steht für "Exclusivement Rosé", und das ist auch das Alleinstellungsmerkmal von Fleur de Miraval. Es ist, soweit ich weiß, das einzige Champagnerhaus, das ausschließlich Rosé produziert. Keine Blanc-de-Blancs-Abstecher, kein klassischer Brut nebenbei. Nur Rosé, in verschiedenen Editionen, jede mit eigenem Charakter.
Technisch gesehen besteht ER5 zu 75 Prozent aus Chardonnay und zu 25 Prozent aus Pinot Noir. Das hat mich beim ersten Lesen überrascht, denn man denkt bei Rosé automatisch an viel rote Traube. Hier ist es umgekehrt. Die Farbe und ein Teil der Struktur kommen von einer kleinen, aber wichtigen Pinot-Noir-Komponente, während der Chardonnay quasi das Rückgrat der Cuvée bildet.
Der Aufbau in drei Teilen
Was mich an ER5 am meisten fasziniert, ist die Konstruktion der Assemblage. Sie besteht laut Angaben des Hauses aus drei Bausteinen.
Réserve Perpétuelle als Fundament
Die Hälfte der Cuvée stammt aus einer Réserve Perpétuelle, einem fortlaufenden Reservewein-System aus Grand-Cru-Chardonnay der Côte des Blancs, vor allem aus Le Mesnil-sur-Oger, ergänzt durch Oger, Avize und Cramant. Die Jahrgänge reichen von 2007 bis 2019, ausgebaut in Fudern, Beton und Edelstahl. Das ist für mich der Teil, der Tiefe und Komplexität bringt, eine Art flüssiges Gedächtnis über mehr als zehn Jahre hinweg.
Remise en Cercle: alte Flaschen, neu gedacht
Der zweite Baustein hat mich wirklich überrascht. Ein Viertel der Cuvée stammt aus bereits fertig gereiften Blanc-de-Blancs-Flaschen der Jahrgänge 2010 und 1998, die nach vielen Jahren auf der Hefe geöffnet und wieder in die Assemblage gegeben werden. Bei der vorigen Edition ER4 waren es noch 2007 und 2012. Diese Technik, oft als "Remise en Cercle" bezeichnet, kenne ich sonst eher aus Erzählungen über experimentelle Projekte einzelner Winzer. Dass ein vergleichsweise junges Haus das in dieser Konsequenz einsetzt, finde ich bemerkenswert. Man holt sich damit praktisch gereiften Flaschencharakter zurück in eine neue Cuvée, ohne dass die Flaschen selbst je verkauft wurden.
Pinot Noir als sanfte Infusion
Der letzte Baustein ist junger Pinot Noir des Jahrgangs 2020 aus dem Premier Cru Vertus, der im Edelstahl als eine Art Infusion vinifiziert wird. Also keine klassische Rotwein-Zugabe wie bei vielen anderen Rosé-Assemblagen, sondern eine kurze, schonende Mazeration. Das erklärt für mich auch, warum der Chardonnay-Anteil so dominant bleiben kann, ohne dass die Farbe oder die fruchtige Note zu kurz kommen.
Zehn Jahre, 15 Jahrgänge in einer Flasche
Insgesamt stecken in ER5 15 Jahrgänge, einer mehr als in ER4. Der Reserveweinanteil liegt bei 75 Prozent, das Basisjahr ist 2020. Rund vier Jahre lag die Cuvée auf der Hefe, degorgiert wurde im April 2025, die Dosage liegt unter 6 Gramm pro Liter, also Extra Brut. Für mich klingt das nach einem Champagner, der eher auf Spannung und Mineralik setzt als auf süße Verspieltheit.
Meine Einordnung als Liebhaber
Was mich an ER5 am meisten beeindruckt, ist nicht der Promi-Faktor, sondern die handwerkliche Idee dahinter. Ein Rosé, der zu drei Vierteln aus Chardonnay besteht und zu drei Vierteln aus Reserveweinen, ist statistisch gesehen ziemlich ungewöhnlich. Die meisten Rosé-Champagner, die ich bisher probiert habe, leben von der Frucht und der Röte des Pinot Noir. Hier scheint der Fokus eher auf Textur, Säure und einem langen zeitlichen Bogen zu liegen.
Ich habe ER5 noch nicht im Glas gehabt, aber allein die Beschreibung macht mich neugierig, wie sich die alten, wieder geöffneten Blanc-de-Blancs-Flaschen gegen die junge Pinot-Noir-Infusion behaupten. Das ist für mich als Enthusiast genau die Art von Projekt, bei dem ich am liebsten direkt nach Erscheinen eine Flasche öffnen würde, einfach um zu verstehen, wie zehn Jahre Projektarbeit tatsächlich schmecken.