Eine kleine Meldung, die mich nicht mehr losgelassen hat
Ich stolpere ständig über News aus kleinen und mittelgroßen Häusern, die in den großen Schlagzeilen meistens untergehen. Die meisten davon lese ich, nicke, und vergesse sie wieder. Diese hier nicht. Champagne Collery aus Aÿ bringt eine limitierte Cuvée heraus, die einer Frau gewidmet ist, über die es kaum Aufzeichnungen gibt: Geneviève Collery-Herbillon. Und je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto mehr fand ich, dass genau solche Geschichten zeigen, was die Champagne eigentlich ausmacht, nicht nur Kreide, Hanglagen und Dosage-Diskussionen, sondern Menschen, die ein Haus über Generationen am Leben gehalten haben.
Wer war Geneviève Collery-Herbillon?
Geneviève war die Frau von Pierre Collery, dem Sohn des Hausgründers Jules-Anatole Collery, der das Unternehmen 1893 ins Leben rief. In der Zwischenkriegszeit, also in wirtschaftlich alles andere als einfachen Jahren, teilten sich die beiden offenbar die Arbeit sehr klar auf: Pierre war in den Weinbergen, Geneviève kümmerte sich um so ziemlich alles andere. Verkauf, Kundenkontakt, Korrespondenz. In einem überlieferten Brief soll sie sinngemäß geschrieben haben, dass Pierre in die Reben geht, während sie den Wein verkauft, ihn "einkleidet", die Briefe schreibt und sich um den Rest kümmert.
Was mich daran besonders beeindruckt: Sie ist offenbar regelmäßig nach Paris gereist, um dort Gastronomen, Hoteliers und Veranstalter persönlich zu treffen. Das war damals kein triviales Unterfangen. Collery wurde laut den Berichten im Hotel Lutetia ausgeschenkt und vom renommierten Traiteur Potel & Chabot geordert, der Mitte der 1930er Jahre offenbar mehrere tausend Flaschen bestellt hat. Für ein Haus aus Aÿ, ohne das Marketing-Budget und die Strukturen, die große Maisons hatten, ist das eine beachtliche Leistung, und sie scheint maßgeblich dafür verantwortlich gewesen zu sein.
Über ihr Leben selbst ist erstaunlich wenig bekannt. Ein Foto aus dem Jahr 1943, das sie im Weinberg zeigt, ein paar Briefe, Fragmente. Keine große Biografie, kein ausführliches Archiv. Das macht die Geschichte für mich fast noch eindrücklicher, wie viele Frauen in der Champagne-Geschichte dürften ähnlich entscheidend gewesen sein, ohne dass ihre Namen je in einem Geschichtsbuch gelandet sind?
Die Cuvée „Hommage à Geneviève“: ein kleiner Bruch mit der eigenen Linie
Was ich spannend finde: Collery gilt eigentlich als ausgesprochenes Pinot-Noir-Haus. Aÿ ist schließlich eine der klassischen Pinot-Noir-Adressen der Champagne, und soweit ich weiß, baut das Haus einen Teil seiner Assemblagen im Fass aus, ein Stil, der eher kräftig, weinig und traditionell gedacht ist. Für die Hommage-Cuvée hat man sich nun aber für einen Jahrgangs-Blanc-de-Blancs entschieden, also für reinen Chardonnay. Das ist für ein Haus mit dieser Pinot-Noir-Identität durchaus ein kleiner Stilbruch, und ich finde das eine schöne Geste: eine klassischere, vermutlich elegantere und geradlinigere Cuvée für eine Frau, die offenbar selbst sehr klar und zielstrebig gewirkt hat.
Direktor Romain Levecque wird sinngemäß zitiert, dass man sich bewusst Zeit gelassen habe, weil der Wein ihrem bemerkenswerten Stil gerecht werden sollte. Das klingt für mich nicht nach einer schnellen Marketing-Idee, sondern nach einem Projekt, das über längere Zeit gereift ist, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.
Kunst trifft Champagner
Besonders schön finde ich den Zusatz, dass die Reimser Malerin Helen Barenton acht Aquarelle geschaffen hat, inspiriert von Genevièves Geschichte und den sogenannten "Années folles", den wilden 1920er-Jahren. Eine dieser Arbeiten soll später eine eigene limitierte Edition inspirieren, die für das Jahresende angekündigt ist. Diese Verbindung von Champagner, Geschichte und bildender Kunst spricht mich persönlich sehr an, ich mag es, wenn eine Cuvée nicht nur ein Produkt ist, sondern eine Geschichte transportiert, die über das reine Trinken hinausgeht.
Mein Fazit
Zu Jahrgang, Dosage, Flaschenzahl oder Preis gibt es aktuell keine verlässlichen Informationen, und ich möchte hier nichts erfinden. Was mich an dieser Meldung aber unabhängig davon begeistert: Sie erinnert daran, dass hinter vielen Champagnerhäusern Geschichten stecken, die selten erzählt werden. Geneviève Collery-Herbillon hat offenbar ein Haus durch schwierige Jahre getragen, ohne dass ihr Name je besonders bekannt wurde. Dass Collery sich jetzt, fast hundert Jahre später, die Zeit nimmt, ihr eine eigene Cuvée zu widmen, finde ich als Außenstehender einfach eine sehr schöne Form von Wertschätzung. Sobald ich mehr Details zur Cuvée selbst finde, werde ich sie mir mit Sicherheit besorgen wollen, nicht nur wegen des Weins, sondern wegen der Geschichte dahinter.