Cristal 2018: Wenn ein Hitzesommer auf 150 Jahre Geschichte trifft
Es gibt Ankündigungen, bei denen ich kurz alles andere stehen und liegen lasse, und die Nachricht, dass Louis Roederer den neuen Jahrgang 2018 von Cristal präsentiert, gehört definitiv dazu. Nicht nur, weil Cristal für mich einer der spannendsten Prestige-Champagner überhaupt ist, sondern weil diese Veröffentlichung ausgerechnet mit dem 150. Geburtstag der Cuvée zusammenfällt. 1876 wurde Cristal ursprünglich für Zar Alexander II. kreiert, eine Geschichte, die ich immer wieder faszinierend finde, wenn ich darüber lese.
Was macht Cristal für mich so besonders?
Für mich als Enthusiast ist Cristal nie einfach "noch ein Prestige-Champagner" gewesen. Es ist eine Cuvée, die sich traditionell sehr stark über Terroir definiert, mit Trauben ausschließlich aus Grand-Cru-Lagen. Beim 2018er kommen die Trauben aus Verzenay, Verzy, Beaumont-sur-Vesle, Aÿ, Avize, Le Mesnil-sur-Oger und Cramant. Das liest sich wie eine Landkarte der besten Ecken der Champagne, und genau das macht für mich den Reiz aus.
Ein Jahrgang, der alles andere als einfach war
2018 war wettermäßig ein echtes Wechselbad: ein ungewöhnlich nasser Winter, ein milder, gewittriger Frühling, und dann ein Sommer, der laut allem, was ich dazu gelesen habe, sogar die Hitzerekorde von 2003 geknackt hat. Trocken, sonnig, heiß. Für den Weinbau klingt das erstmal riskant, aber offenbar war die Ernte reichlich und die Trauben kamen in nahezu perfektem Zustand ins Haus. Das überrascht mich ein bisschen, weil ich bei Hitzejahrgängen eigentlich eher mit Problemen bei der Säure rechne.
Wie Jean-Baptiste Lécaillon auf die Hitze reagiert hat
Genau da wird es für mich richtig interessant. Kellermeister Jean-Baptiste Lécaillon, der seit 1999 bei Roederer das Sagen im Keller hat, scheint 2018 sehr bewusst gegengesteuert zu haben. Statt der üblichen rund 45 Parzellen wurden für diesen Jahrgang 57 verwendet, vermutlich um die Hitze-Extreme einzelner Lagen auszugleichen und mehr Komplexität ins Spiel zu bringen. Spannend finde ich auch, dass der Chardonnay-Anteil erhöht wurde, auf 43 Prozent neben 57 Prozent Pinot Noir. Das macht aus meiner Sicht total Sinn: Chardonnay bringt in einem heißen Jahr die nötige Frische und Säurestruktur, die der Pinot Noir in so einem Sommer vielleicht nicht mehr allein liefern kann.
Auch der Holzeinsatz wurde reduziert: nur noch 28 Prozent der Weine wurden im Eichenholz vinifiziert, weniger als sonst üblich. Und man hat offenbar bewusst schneller nach der Gärung abgezogen und abgefüllt, um zu viel Fülle und Wucht im Wein zu vermeiden. Komplett verzichtet wurde zudem auf den biologischen Säureabbau, die malolaktische Gärung lag bei null Prozent. Für mich liest sich das wie ein sehr durchdachtes Gesamtkonzept: alles darauf ausgelegt, in einem heißen Jahr Frische und Spannung zu bewahren, statt einen schweren, überreifen Wein zu riskieren.
Biodynamie als roter Faden
Ein Detail, das ich besonders bemerkenswert finde: 2018 ist bereits der sechste Cristal-Jahrgang, der komplett aus biodynamisch bewirtschafteten Weinbergen stammt. Roederer hat ja schon vor Jahren angefangen, große Teile der eigenen Lagen auf Biodynamie umzustellen, und offenbar zieht sich das mittlerweile konsequent durch die gesamte Cristal-Produktion. Für mich ist das ein Zeichen, dass es hier nicht um ein Marketing-Label geht, sondern um eine langfristige Philosophie im Weinberg.
Lange Reife, späte Degorgierung
Mit rund 6,5 Jahren Hefelager und einer Degorgierung erst im September 2025 hat sich Roederer auch diesmal viel Zeit gelassen. Die Dosage liegt bei 7 Gramm pro Liter, also im für Prestige-Cuvées eher moderaten, aber keineswegs knochentrockenen Bereich. Einen Blanc de Blancs hat man für 2018 übrigens nicht produziert, was ich persönlich schade finde, aber angesichts der Herausforderungen des Jahrgangs nachvollziehbar.
Meine Erwartungshaltung
Ich habe den 2018er natürlich noch nicht probiert, er kommt laut Handel erst ab Herbst 2026 in die Regale. Aber allein die Beschreibung der Vinifikation macht mich neugierig: ein Hitzejahrgang, der mit mehr Chardonnay, weniger Holz und ohne malolaktische Gärung bewusst auf Spannung statt auf Opulenz getrimmt wurde. Wenn das aufgeht, könnte das einer der strukturierteren, straffer gebauten Cristal-Jahrgänge der letzten Zeit werden. Ich werde ihn mir auf jeden Fall besorgen, sobald er erhältlich ist, und dann gibt es hier natürlich meine ehrlichen Eindrücke dazu.