Champagner-Marken 2026: Warum Moët, Veuve Clicquot & Co. im Wert zulegen, während Stillwein schwächelt
Als ich die Zahlen aus dem neuen Brand Finance Report zum ersten Mal gesehen habe, musste ich kurz zweimal hinschauen. Veuve Clicquot plus 39 Prozent Markenwert in einem Jahr? Dom Pérignon neu in den Top 10 der wertvollsten Wein und Champagnermarken weltweit? Und das in einer Zeit, in der laut OIV der weltweite Weinkonsum spürbar sinkt und auch die Champagne bei den Versandmengen unter Druck steht. Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Ich finde aber, genau das macht die Sache spannend.
Was Brand Finance überhaupt misst
Bevor ich zur Einordnung komme, kurz zur Klarstellung, weil das oft durcheinandergeht: Der Markenwert in diesem Report ist kein Umsatz und schon gar keine Qualitätsbewertung. Er wird nach der sogenannten Royalty Relief Methode berechnet, vereinfacht gesagt schätzt man, wie viel ein Unternehmen zahlen müsste, wenn es seinen eigenen Markennamen von jemand anderem lizenzieren müsste. Dazu kommt der Brand Strength Index, der Marketinginvestitionen, Kundenbindung und Geschäftsentwicklung zusammenfasst. Spannend an dieser Trennung: Barefoot aus den USA ist laut BSI die "stärkste" Marke im ganzen Ranking, mit 85,1 von 100 Punkten, aber bei weitem nicht die wertvollste. Das zeigt mir, wie unterschiedlich man Marken messen kann, je nachdem was man eigentlich wissen will.
Moët bleibt oben, Veuve Clicquot zieht an
Moët & Chandon verteidigt mit 2,3 Milliarden US-Dollar Markenwert (plus 12 Prozent) weiterhin Platz 1 unter allen Wein und Champagnermarken weltweit. Das überrascht mich ehrlich gesagt nicht, Moët ist wahrscheinlich die Champagnermarke, die selbst Menschen kennen, die nie eine Flasche Schaumwein getrunken haben. Was mich mehr interessiert, ist Veuve Clicquot: von Platz 4 auf Platz 2, plus 39 Prozent auf 1,4 Milliarden US-Dollar. Das ist das stärkste Wachstum im gesamten Ranking. Und dann noch Dom Pérignon, neu auf Platz 9 mit plus 21 Prozent. Alle drei gehören zum selben Konzern, LVMH beziehungsweise Moët Hennessy. Man kann daraus lesen, dass ein großes Haus mit viel Marketingbudget und globaler Präsenz seine Marken in einer Konsumflaute sogar noch stärker positionieren kann als vorher.
Stillwein verliert, Champagner gewinnt, warum eigentlich?
Vier von sechs Stillweinmarken im Ranking haben an Wert verloren, teils dramatisch: Penfolds minus 32 Prozent, Changyu minus 22 Prozent. Gleichzeitig legen die Champagnermarken insgesamt zu. Für mich als jemand, der sich privat viel mit dem Thema beschäftigt, passt das zu einer Beobachtung, die ich schon länger mache: Champagner wird immer stärker als Anlassgetränk positioniert, nicht als alltäglicher Weinbegleiter zum Essen. Das Zitat von Henry Farr aus dem Report trifft es gut, Menschen trinken insgesamt weniger Wein, geben aber weiterhin Geld für Marken aus, die für besondere Momente stehen. Eine Flasche Moët zum Jahrestag, Veuve Clicquot zur Beförderung, Dom Pérignon als Geschenk. Das ist emotionales Kapital, kein Durstlöscher-Geschäft.
Was das für Grower-Champagner bedeutet
Hier wird es für mich als Liebhaber kleiner Winzerhäuser interessant. Dieses Ranking spiegelt reine Marketingkraft und globale Markenwahrnehmung wider, nicht was tatsächlich im Glas passiert. Kein einziger Grower-Champagner taucht hier auf, und daran wird sich so schnell nichts ändern, weil die Methodik auf riesige Marketingbudgets und weltweite Distribution ausgelegt ist. Das heißt aber nicht, dass die großen Marken schlechter sind, das wäre eine billige Umkehrung. Es heißt nur, dass Markenwert und Flaschenqualität zwei komplett unterschiedliche Geschichten erzählen. Dom Pérignon ist zurecht eine Ikone. Aber wenn ich zuhause eine Flasche von einem kleinen Winzer aus der Côte des Bar probiere, bezahle ich für Handwerk und Terroir, nicht für eine goldene Flasche mit großem Namen drauf.
Mein Fazit
Was mich an diesem Report am meisten fasziniert, ist nicht wer gewonnen hat, sondern was er über unser Trinkverhalten verrät. Wir trinken weniger, aber bewusster, und wenn wir Champagner öffnen, soll er einen Moment markieren. Die großen Häuser haben das verstanden und bauen ihre Marken entsprechend aus. Als Enthusiast nehme ich das als Erinnerung mit, beim nächsten besonderen Anlass ruhig auch mal abseits der bekannten Namen zu schauen. Der Markenwert mag bei den Großen liegen, der persönliche Lieblingsschluck muss das nicht.