Bollinger 2026: Wenn Hitze zum Erfolgsrezept wird
Manchmal lese ich eine Meldung aus der Champagne und denke mir: Das hätte ich vor ein paar Jahren noch für Marketing-Sprech gehalten. Diese Woche war es wieder so weit. Charles-Armand de Belenet, der Geschäftsführer von Bollinger, hat beim traditionellen Harvest Lunch in London erzählt, dass das Wetter in der Champagne während der Reifephase 2026 mit dem in Barcelona vergleichbar gewesen sei. Und trotzdem spricht er von einem Rekordjahrgang, sogar von einer "fantastischen" Ernte. Für mich als jemand, der sich seit Jahren privat mit Champagner beschäftigt, ist das genau die Art von Widerspruch, die mich an diesem Getränk so fasziniert.
Warum Hitze nicht automatisch schlecht sein muss
Ich glaube, viele Weinfreunde haben inzwischen verinnerlicht, dass heiße Jahre in der Champagne problematisch sind. Zu viel Zucker, zu wenig Säure, Trauben die zu schnell reif werden. Das stimmt auch oft. Aber was ich beim Lesen über Bollinger gelernt habe, ist, wie stark der Boden hier den Unterschied macht. De Belenet nennt die Kreideböden ein "strategisches Kapital für die nächsten 100 Jahre", und das klingt erstmal nach großem Wort, trifft aber meiner Meinung nach einen wichtigen Punkt. Kreide kann enorm viel Wasser speichern und gibt es über Wochen hinweg langsam an die Reben ab. Deshalb konnten die Stöcke laut de Belenet "trotz Wassermangels noch sehr grün" bleiben, selbst als es oberirdisch brütend heiß war.
Das ist für mich der eigentliche Kern der Geschichte. Nicht die Hitze an sich ist entscheidend, sondern wie gut ein Terroir mit ihr umgehen kann. Bollinger sitzt mit seinen Lagen rund um Aÿ auf genau so einem Untergrund, und das dürfte ein Grund sein, warum das Haus selbst in einem Jahr mit Barcelona-Wetter optimistisch bleibt.
Die früheste Lese der Hausgeschichte
Schon im August wurde ja bekannt, dass Bollinger am 13. August mit der Lese begonnen hat, nur 76 Tage nach der Blüte. So früh wie noch nie. Wenn ich mir die Jahrgänge der letzten Dekade anschaue, merke ich, wie sich der Lesebeginn in der Champagne Jahr für Jahr nach vorne verschiebt. Was früher Ende September Standard war, passiert heute oft schon Mitte August. Das ist für mich eines der greifbarsten Zeichen dafür, wie sehr sich das Klima in der Region verändert hat, auch wenn Häuser wie Bollinger das Thema lieber über Begriffe wie "Kreide als Kapital" einordnen als über das Wort Klimawandel.
Neuer Kellermeister, neue Handschrift?
Spannend finde ich auch den personellen Wechsel. Seit Anfang Oktober ist Émilien Boutillat der neue Chef de Cave bei Bollinger, nachdem er zuvor bei Piper-Heidsieck und Rare gearbeitet hat. De Belenet nennt ihn "die beste Person, um das neue Bollinger aufzubauen", und das ist eine Formulierung, die aufhorchen lässt. Ein "neues Bollinger" aufzubauen klingt nicht nach einem Haus, das einfach nur die bisherige Linie fortführt. Ich bin gespannt, ob sich das in den nächsten Cuvées bemerkbar macht, etwa im Stil der Grande Année oder bei neueren Linien wie dem Blanc de Noirs PN AYC21, der aus reinem Pinot Noir aus Aÿ besteht und den ich als spannenden Ausdruck der Hauslage empfinde.
Warum Bollinger jetzt in Önotourismus investiert
Der zweite große Strang der Meldung betrifft den Önotourismus. Reims hat seit der Pandemie die Besucherzahlen von einer auf zwei Millionen verdoppelt, und Bollinger reagiert darauf mit einem neuen Fasskeller sowie Plänen für ein Hotel, ein Besucherzentrum und ein Restaurant, die 2028 eröffnen sollen. Was mich daran überrascht: Weltweit macht Weintourismus rund 25 Prozent des Umsatzes eines Weinguts aus, in der Champagne aber, auch bei Bollinger, nur ein bis fünf Prozent. Das ist eine riesige Lücke, und ich verstehe, warum Häuser wie Bollinger hier jetzt nachlegen.
Gleichzeitig passt das zu einem Satz, den ich aus der Meldung besonders bemerkenswert finde: "Der beste Weg, Vertrauen in den Markt zu zeigen, ist Investition." In einer Phase, in der der Weinkonsum in manchen Regionen sinkt und der Fine-Wine-Markt schwächelt, während Champagner-Volumen immerhin leicht steigen, ist das ein mutiges Statement. Ich finde es ehrlich gesagt sympathisch, wenn ein traditionsreiches Haus nicht in Schockstarre verfällt, sondern antizyklisch investiert.
Mein Fazit als Enthusiast
Für mich zeigt diese Geschichte, wie eng Terroir, Klima, Führungswechsel und Markenstrategie in der Champagne zusammenhängen. Ein Rekordjahrgang trotz Rekordhitze ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis von Böden, die seit Jahrmillionen genau für solche Situationen gewappnet sind. Ich bin gespannt, wie sich der 2026er Jahrgang später im Glas zeigt, und noch mehr darauf, welche Handschrift Émilien Boutillat dem Haus in den kommenden Jahren geben wird.